Text-Andacht

Liebe Menschen in Vingst, Neubrück und Höhenberg,
der Corona-Virus hat uns im Griff. Die Zahl der Infizierten in NRW heute, am 19.03.2020, ist etwa so hoch wie die Zahl unserer Gemeindemitglieder und Deutschland steht still. Es hat etwas Unwirkliches. Und alle Empfehlungen, die auch zu hören und zu lesen sind, wir sollten diese Zeit mit Ruhe nehmen und auch als eine Zeit der Ruhe verstehen, sind gut gemeint, verfehlen bei mir aber ihre Wirkung. Denn wenn ich Ruhezeit habe, Zeit, in der ich nicht arbeiten muss, nicht durch Termine getaktet bin, Zeit zur völlig freien Verfügung habe, dann will ich diese Zeit auch völlig frei nach meinen Wünschen verbringen können. Und das geht jetzt eben gerade nicht. Ein völlig eingeschränktes Leben, das ich soweit wie möglich auf meine Wohnung eingrenzen soll, ohne Kontakt zu den Menschen, mit denen ich sonst gerne meine freie Zeit verbringe, das ist nicht nur eingeschränkt, sondern lässt mich mit meinen unguten Gefühlen, allen Befürchtungen, den Fragen und Sorgen auch der Angst vor Ansteckung alleine. Und diejenigen, die dabei dann noch Kinder auf engem Raum bei Laune halten sollen, wenn sie selbst nicht bei Laune sind, das muss geradezu in Streitereien enden. Und was machen eigentlich unsere vielen Alleinerziehenden, die trotzdem arbeiten gehen sollen, weil es oft gerade die Frauen sind, die für wenig Geld in den Supermärkten Regale einräumen oder an den Kassen sitzen und sich ausgerechnet jetzt einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen? Oder weil sie diejenigen sind, die in Pflegeheimen arbeiten, übrigens auch für wenig Geld? Ja, da ist es nicht so einfach, Ruhe zu bewahren und der Apell klingt wie die Schilder in den Fahrstühlen: Im Brandfall vor allem Ruhe bewahren! Machen Sie das mal, wenn Sie in einem Aufzug feststecken, weil das Haus drum herum brennt!

Tja, und trotzdem bleibt nichts anderes. Sich in Rage zu reden und zu denken, macht nichts besser.

Also: Auf einen festen Stuhl setzen, Rücken gegen die Rückenlehne drücken, Füße fest auf den Boden, Hände auf die Oberschenkel, Schultern runter und – atmen, tief ein- und ausatmen, langsam, wenn es geht, immer langsamer. Wer kann, die Augen dabei schließen. Wer die Augen nicht schließen kann, auf einen festen Punkt an der Wand gegenüber gucken. Und – atmen! Nicht aufgeben! Beim Einatmen nicht den Brustkorb heben, sondern tief in den Bauch atmen, den Bauch gegen den Hosenbund drücken. Und wenn Sie jetzt denken: der spinnt, der Wolke! Stimmt! Aber machen Sie es trotzdem und halten Sie mich gerne für verrückt.

Und noch was. Wir haben Kontakt. Seit hunderten von Jahren haben wir in den Kirchen ein ganz einfaches Mittel, uns zu festen Uhrzeiten den Kontakt zu zeigen, nämlich durch das Glockenläuten. In Höhenberg-Vingst läuten unsere Glocken an Werktagen morgens um acht, mittags um zwölf und abends um sechs. In Neubrück läuten sie mittags um zwölf und abends um sieben. Normalerweise kriegen wir es kaum noch mit oder es nervt sogar Menschen. Vielleicht entdecken wir ja jetzt neu, was vor Jahrhunderten die Menschen sich dabei gedacht haben: gleichgültig, wo wir sind und was wir gerade tun, in diesen fünf Minuten haben sie sich verbunden zum gemeinsamen Gebet. Und wir sind eine Gemeinschaft, eine gigantische Gemeinschaft von Menschen in Sorge, die als Gemeinschaft zu gemeinsamer Verantwortung verdonnert ist, wie sonst nie. Wir müssen jetzt Formen finden, uns das zu zeigen. Also, wie wär´s: Um zehn vor sechs oder zehn vor sieben – atmen. Und wenn die Ruhe so richtig in uns angekommen ist, um sechs bzw. sieben eine Kerze ins Fenster, da, wo die Nachbarn sie sehen können, winken, lächeln, vielleicht beten. Und ich finde es ja schön, wie die Römer von Fenster zu Balkon singen. Und Köln ist doch eine italienische Colonia, eine italienische Kolonie, das können wir auch.

Und wenn Sie jetzt denken: der spinnt wirklich, der Wolke! Auf jeden Fall. Wer nicht verrückt ist, ist nicht normal.

Bleiben Sie gesund. Ihr Pastor Wolke.

Kontakt

TRINITATISKIRCHE NEUBRÜCK
Europaring 35
51109 Köln
Pfarrerin: Andrea Stangenberg-Wingerning
Telefon: 0221 – 5606065
E-Mail: Andrea.stangenberg-wingerning@ekir.de

ERLÖSERKIRCHE HÖHENBERG VINGST
Burg-/Schulstraße
51103 Köln
Pfarrer: Jörg Wolke
Telefon: 0221 – 872757
E-Mail: joerg.wolke@ekir.de