Vorgeschichte

Fast 20 Jahre nachdem wir unser Pfarrprogramm veröffentlicht haben, hat sich der Pfarrgemeinderat entschlossen, ein Leitbild für die Gemeinde zu entwerfen, um zu beschreiben, wie wir als Gemeinde im 21. Jahrhundert leben wollen – auch als Teil von Schäl Sick Mitte, der pastoralen Einheit, der wir angehören.

Der verantwortliche Arbeitskreis bestand dabei aus Personen aus unterschiedlichen Lebenslagen. Die Ergebnisse wurden wiederum mit den Gremien, einigen Gruppierungen und Menschen aus der Gemeinde besprochen, um die Diversität der Gemeinde wiederzugeben. Und auf dem Weg gab es durchaus unterschiedliche Ansichten, die sich nicht immer auflösen ließen – z.B. in der Reihenfolge oder auch in der Sprache. Aber diese Spannungen wollen wir bewusst wahrnehmen und aushalten oder daran arbeiten.

Als Ergebnis ist ein Leitbild mit zehn Statements entstanden, die hier vorliegen. Sie sollen die Leitlinien für unser Selbstverständnis und unsere Arbeit in der Gemeinde wiedergeben, ohne unser Pfarrprogramm außer Kraft zu setzen. Dabei ist uns bewusst, dass wir nicht alle Aspekte auch heute schon voll und ganz erfüllen. Aber auch daran wollen wir arbeiten und uns verbessern.

Diesen Prozess haben wir als evangelische Gemeinde mit aufgenommen und nutzen die Gelegenheit, auch in unseren Regionalisierungsgesprächen zusammen mit unseren katholischen Geschwistern vor Ort unser gemeinsames christliches Profil darzustellen.

Leitbild

“Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind. Bleibt also standhaft und unterwerft euch nicht wieder dem Joch der Sklaverei!”
Galaterbrief 5,1

Für uns als Kirchengemeinden ist diese Ermutigung des Paulus ein Ansporn. Paulus wehrt sich entschieden dagegen, dass Gemeinden die Freiheit, die sie in Christus gewonnen haben, durch institutionelle Vorschriften wieder einschränken.

Für uns, die evangelische und die römisch-katholische Kirchengemeinde in den Stadtteilen Höhenberg und Vingst ist das der Anlass, uns grundsätzlich damit auseinanderzusetzen, wie wir uns als Kirchengemeinden verstehen und wovon wir uns leiten lassen wollen. Dabei denken wir bewusst

  • an das Zusammenleben in unseren Kirchengemeinden selbst,
  • an unser gemeindliches Selbstverständnis in den Gesprächen zur Bildung neuer kirchlicher Strukturen, die über diese Stadtteile hinausreichen
  • und an unsere ökumenische Zusammenarbeit vor Ort, wo wir seit Jahrzehnten gemeinsam das HöVi-Land und die Ökumenische Familienwerkstatt durchführen.

Der Maßstab, an dem wir unser Denken und Handeln dabei messen möchten, ist der Maßstab, den Paulus auch den Gemeinden in Galatien gibt:

“Denn wenn wir zu Christus gehören, spielt es keine Rolle, ob jemand beschnitten ist oder nicht. [Wir ergänzen in Gedanken: oder ob er evangelisch oder katholisch, kirchlich oder nicht kirchlich ist.] Es zählt nur der  Glaube, der sich in Liebe auswirkt.” Galaterbrief 5,6

Diesem Gedanken folgend geben wir uns als Leitbild für unsere Gemeinden folgende 10 Statements.

Wir machen Fehler. Und lernen hoffentlich daraus.

Wir sind nicht unfehlbar – im Gegenteil. Es ist uns wichtig, eine Fehlerkultur zu entwickeln, weil wir davon überzeugt sind: Jeder Mensch macht Fehler. Wichtig ist es, sich kritisch zu hinterfragen und offen für die Kritik anderer zu sein, wenn man einen Fehler macht. Das bedeutet nicht, dass der Andere immer Recht haben muss. Aber über einen offenen Austausch – in dem man einander zuhört, Respekt voreinander bewahrt und den eigenen Standpunkt überprüft – hat man die Chance, dazu zu lernen, sich weiter zu entwickeln und Dinge in Zukunft besser zu machen. Darum laden wir ein, dass man einander anspricht – wenn etwas nicht gut läuft, wenn man anderer Meinung ist, wenn man sich nicht gesehen fühlt oder den Eindruck hat, jemand ist auf einem Weg, den man kritisch sieht. Das ist für uns auch zentral, um (Macht)Missbrauch zu verhindern – auch im Sinne der Prävention sexueller Gewalt.

Tradition ist wertvoll. Dabei gilt: Nichts muss bleiben, wie es ist.

In unseren Kirchen gibt es viele Traditionen, Riten und Symbole, die teilweise schon über hunderte Jahre existieren. Vieles davon ist auch für uns wichtig. Wir genießen es, in den Messen auf der gesamten Welt Abläufe, Gebete und Lieder wiederzuerkennen. Und wir freuen uns, mit unseren Gottesdiensten dazu beizutragen, dass Menschen aus aller Welt Vertrautes hier wiederfinden. Gleichzeitig lehnen wir es ab, die Tradition als etwas zu verstehen, das nicht veränderbar ist. Wenn wir merken, dass etwas nicht mehr zeitgemäß ist – weil es zum Beispiel Menschen ausschließt und nicht unseren Werten entspricht – dann sind wir bereit für neue Wege. Alle sind aktiv eingeladen, neue Ideen einzubringen und neue Projekte zu starten. Dafür wollen wir hilfreiche Strukturen zur Verfügung stellen, um uns und unsere Kirche immer wieder zu erneuern.

Wir machen ökumenisch viel gemeinsam in unserem Veedel.

Ökumene soll für unsere Gemeinden vor Ort nicht nur ein leeres Gebilde sein. Und so bemühen wir uns zusammen mit unseren christlichen Geschwistern, viel für unser Veedel zu machen. Da ist zum Beispiel die ökumenische Kinderstadt HöVi-Land. Sie wird seit mehr als 30 Jahren von beiden Gemeinden getragen. Jedes Jahr helfen dabei viele Ehrenamtliche – aus den Gemeinden aber auch von außerhalb – damit Kinder aus HöVi eine schöne Ferienzeit haben. Da ist die ökumenische Familienwerkstatt, in der das ganze Jahr über Kurse und Workshops für alle Altersstufen angeboten werden – oft kostenlos. Die Angebote reichen dabei von praktischer Lebenshilfe, über Kreativangebote bis hin zu Ausflügen. Aber auch auf Gemeindeebene gibt es vielfältige gemeinsame Aktionen. Angefangen bei den Sternsingern, über gemeinsames Adventssingen bis hin zu unserem gemeinsamen Ostergottesdienst. Denn es gilt: zusammen sind wir stärker und können viel für unser Veedel bewegen – damit es den Menschen ein Stück besser geht.

 

Unsere Gemeinden sind vielfältig. Darauf sind wir stolz.

Unsere Leitungsgremien sind bunt gemischt. Die Altersstufen reichen von Jugendlichen bis zu älteren Menschen, die Lebenswelten von Studenten über junge Eltern bis hin zu Menschen im Ruhestand. Der Pfarrgemeinderat hat vor einigen Jahren beschlossen, die Regenbogenfahne vor der Kirche St. Theodor wehen zu lassen. In unseren Gemeinden bieten viele Menschen viele Dinge an – oft aus eigenem Antrieb. Manchmal mit Unterstützung der Gemeinde, manchmal ohne Unterstützung. Es gibt eine Lebensmittelausgabe, einen Kleiderladen, einen Senior*innenkreis und einen Kreis, der Kunstausstellungen organisiert. Es gibt die KJG, Pfadfinder*innen und Messdiener*innen, die evangelische Jugend wie auch die Angebote der gemeinsamen ökumenischen Familienwerkstatt. Es gibt eine Maria 2.0 Initiative, Menschen, die verschiedene Gottesdienstformen anbieten und Bibelkreise – um nur einige Beispiele zu nennen. In der Arbeit mit geflüchteten Menschen helfen viele Leute mit – und auch geflüchtete Menschen selbst. Wir unterstützen die Menschen – ohne uns aufzudrängen. Diese Vielfalt bereichert unsere Gemeinden enorm. Dabei unterstützen wir uns gegenseitig. Und darauf sind wir stolz.

Viele von uns glauben an Gott.
Das ist aber kein Muss.

Natürlich ist der Glaube an Gott das zentrale Element, sonst wären wir schließlich keine christlichen Kirchengemeinden. Aber trotzdem freuen wir uns über jeden Menschen, der in unseren Gemeinden aktiv dabei sein möchte – egal ob er*sie sich als gläubig bezeichnen würde oder nicht. Papst Benedikt XVI. antwortete auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott wohl gebe, „so viele, wie es Menschen gibt“. Jeder Mensch ist einzigartig und so ist es auch das jeweilige Verhältnis zu Gott. Uns steht es nicht zu, über andere Menschen oder ihren Glauben zu urteilen. Wir wollen versuchen, uns gegenseitig in unseren individuellen Lebens- und Glaubenswegen zu begleiten und zu unterstützen.

Wir entscheiden gemeinsam. Dabei gilt: Ein Mensch – eine Stimme

Gott hat die Menschen nach seinem Abbild geschaffen. Damit ist klar, dass die Meinung jedes einzelnen Menschen wichtig ist und jede Stimme gleich viel wert. In der Bundesrepublik Deutschland ist die Demokratie seit 1949 im Grundgesetz verankert. In der katholischen Kirche herrscht dagegen weiterhin eine hierarchische Struktur durch geweihte Amtsträger (hier gibt es leider nichts zu gendern). Dennoch wollen wir versuchen, auf der Ebene unserer Gemeinde demokratisch zusammenzuleben. Bei Entscheidungen im Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand hat jedes Mitglied eine Stimme, egal ob leitender Pfarrer oder gewähltes Mitglied. Auch in den Leiter*innenrunden der Jugendverbände wird selbstverständlich demokratisch abgestimmt. Wir wollen weiter daran arbeiten, die demokratischen Strukturen in der katholischen Kirche auszubauen und uns aktiv mit einzubringen. Für uns in der evangelischen Gemeinde gilt dieses Prinzip bereits.

 

Bei uns ist jeder Mensch willkommen
Egal, wie er liebt, lebt oder lacht.

Türen sind für alle Menschen offen – ob es das große Kirchenportal ist, die Türen zu all unseren verschiedenen Gruppen oder zu unseren sozialen Angeboten. Wer sich ehrenamtlich beteiligen möchte, ist willkommen. Das ist für uns nichts Besonderes, sondern selbstverständlich – weil unser Gott alle Menschen liebt. Egal wie sie lieben, leben und lachen. Die Bistumsleitung sieht das leider anders und das macht uns traurig.

Wir sind für alle Menschen da, gerade für die, die unsere Hilfe wünschen.

Wir nehmen bei uns in HöVi, aber auch anderswo viele Menschen wahr, denen es nicht gut geht. Sei es, dass sie finanzielle Nöte haben, sei es, dass sie auf der Flucht oder einfach nur einsam sind. Als Christen halten wir es für unsere Aufgabe, diesen Menschen unsere Hilfe anzubieten.

So gut wir das können tun wir das auch: mit unserer Lebensmittelausgabe, dem Kleiderladen, der Kinderkleiderkammer und anderen Hilfsangeboten. Und viele Menschen nehmen unsere Hilfe an. Es kommen immer mehr Menschen zu unserer Lebensmittelausgabe, um sich hier einen Beutel mit Lebensmitteln abzuholen, damit sie mit ihrer Familie irgendwie über den Monat kommen. Dass Lebensmittelausgaben in einem der reichsten Länder der Erde tatsächlich notwendig sind, macht uns traurig.

Wir handeln klar und offen.
Ohne Fakes und Tricks.

„Wir sind immer ehrlich, weil Lügen blöde sind. Wir können uns alles sagen, geradeaus von Kind zu Kind!“, so heißt es im Lied „Wir sind HöVi-Kinder“, der Hymne von „HöVi-Land“.

So wie sich die Kinder im HöVi-Land ihr Zusammenleben wünschen, so wünschen wir uns das auch für unsere Gemeinden. Bei uns soll gelten: Wir reden nicht übereinander, sondern miteinander. Für Fakes und miese Tricks ist in unseren Gemeinden kein Platz. Klar, dass es bei so vielen engagierten Mitarbeiter*innen auch immer mal wieder unterschiedliche Vorstellungen über den richtigen Weg und die beste Lösung gibt. Dann versuchen wir in offenen, fairen Diskussionen und Verfahren eine Lösung zu finden, mit der alle leben können.

 

Sonntags feiern wir Gottesdienst.
Bunt. Musikalisch. Alle sind eingeladen.
Danach gibt es Kaffee und (meistens) Kuchen.

Für viele von uns gehört das Mitfeiern des Gottesdienstes zum Wochenendprogramm. Im Gottesdienst loben und preisen wir unseren Gott* als den Schöpfer und den Herrn der Welt, ihm tragen wir unsere Sorgen und Bitten vor. Im Gottesdienst denken wir an das Leben und den Tod von Jesus Christus und feiern seine Auferstehung, weil er damit für uns den Tod ein für alle Mal besiegt hat. Deshalb beten wir im Gottesdienst auch immer für unsere Toten. In der Kommunion (deutsch: Gemeinschaft) / beim Abendmahl, in dem kleinen Stück Brot, das wir dabei erhalten und essen, kommt uns Jesus Christus ganz nah. Im Gottesdienst bitten wir um die Kraft des Heiligen Geist*es, damit er uns zur Seite steht, wenn wir aus der Kirche in unseren Alltag gehen.

Alle, die den Gottesdienst vorbereiten und gestalten oder einen Dienst tun (und das sind nicht nur Hauptamtliche), geben sich jedes Wochenende große Mühe, damit der Gottesdienst auch wirklich ein Fest ist. Wenn es gut läuft, springt der Funke auf die Gottesdienstgemeinde über, und alle singen und beten mit Freude mit. Ein solcher Gottesdienst tut allen gut und macht auch richtig Freude.

Der Gottesdienst ist für uns nicht nur Wohlfühloase und Kraftquelle. In der lateinischen Form des Gottesdienstes lautet der letzte Satz des Priesters „Ite, missa est!“. Das bedeutet: „Geht, ihr seid gesendet!“ Wenn wir die Kirche verlassen, nehmen wir diesen Auftrag mit: Sieh Du zu, dass die Welt in Deinem Umfeld, in dem, was in Deiner Macht steht, ein bisschen besser wird. Bau mit am Reich Gottes!

Zu unseren Gottesdiensten sind alle Menschen herzlich willkommen. Niemand wird schief angeguckt, wenn er sich nicht so gut auskennt und nicht gleich weiß, ober er nun knien, sitzen oder stehen soll. Barrierefrei ist unsere Kirche auch. Ganz besonders freuen wir uns über Jugendliche und junge Familien. Damit es den Kleinen nicht langweilig wird, gibt es in der Kirche einen Mal-und Spieltisch. Und für alle Fälle haben wir in einer der Toiletten einen Wickeltisch. Wenn die Kinder mal ein bisschen laut werden, müssen sich die Eltern nicht stressen. Kinderlärm gehört für uns dazu.

Nach dem Schlusssegen laufen wir nicht gleich auseinander: Liebe Menschen haben für uns Kaffee und Kuchen vorbereitet. Eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

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